Land der großen Gegensätze
Albanien: Elend zwischen Handy und Mercedes. Vorarlberg hilft seit 1992 im Schulbereich.
Marlies Mohr
marlies.mohr@vn.vol.at
Tirana (VN) ,,Nur fort aus diesem Elend“, ist man nach vier Tagen in Albanien versucht zu denken. Doch die Boeing 737, die vom Flughafen in Tirana abhebt, kann nur eine räumliche Distanz schaffen. Aus dem Gedächtnis lassen sich die Bilder von Menschen, die mitten in Europa in bitterster Armut leben, nicht so einfach vertreiben. Und auch wenn Hilfsprojekte wie ein Fass ohne Boden anmuten: Hinsehen und die Augen schließen ist fast unmöglich.
Bildung als Chance
Vorarlberg engagiert sich seit 1992 im Land der Skipetar en. Es sind kleine, aber gezielte Aktionen mit denen in erster Linie versucht wird, das brach liegende Schulwesen in abgelegenen Gebieten wieder auf die Beine zu bringen. Denn Bildung ist für die junge albanische Generation die einzige Chance auf eine bessere Zukunft.
Es war Elisabeth Gehrer, die den Sachbearbeiter für Entwicklungs- und Osthilfe in der Landesregierung, Gerhard Hagen, beauftragte, ein entsprechendes Projekt auszuarbeiten. Schon wenige Monate später brachen die ersten neun Lkw mit gebrauchten Schulmöbeln, Kinderbekleidung und Unterrichtsmaterialien nach Albanien auf. Seitdem wurden 28 Hilfstransporte organisiert. Am letzten Wochenende kam der 100. Lkw aus dem Ländle im Hafen von Durres an.Eine beachtliche Zwischenbilanz, die auch LR Dr. Greti Schmid zum Anlass nahm, sich persönlich ein Bild zu machen. Ihre Einschätzung unterscheidet sich kaum von der anderer Besucher: ,,Da muss etwas getan werden.“
Vieles unverständlich
Gleichwohl vieles zwiespältig und unverständlich erscheint. Handy und Mercedes sind allgegenwärtige Statussymbole. Dabei gleichen selbst die Straßen in der Stadt holperigen Karrenwegen und ein Liter Diesel kostet genau so viel wie hierzulande. Das bei einem, wenn überhaupt vorhandenen durchschnittlichen Monatseinkommen von umgerechnet 200 bis 300 Euro. Andere Sorgen haben die Familien, die in der unwirtlichen Bergregion von Mirdita, an der Grenze zum Kosovo und vier Autostunden von der nächst größeren Ansiedlung entfernt, ihr Dasein fristen müssen. Jeder Tag ist ein Kampf. Hier ist die Initiative ,,Schüler helfen Schülern“ von Paul Wohlgenannt aus Wolfurt tätig. Zehn Schulen konnten mit Unterstützung des Landes und privater Spender renoviert und ausgestattet werden. Die Mädchen und Buben gehen mit Begeisterung in den Unterricht. Sie kommen sogar am Sonntag. Im besten Gewand. Weil hoher Besuch angesagt ist. Über die mitgebrachten Kugelschreiber freuen sie sich wie Schneekönige. Und die wenigen Süßigkeiten hüten sie wie Augäpfel.
Am nächsten Tag rollen die vier Hilfstransporte des Landes aus dem Bauch der riesigen Fähre. Heinz Vonach, Prokurist bei der Spedition Weiss, ist seit Anfang dabei. Das schikanös langwierige Zollprozedere regt ihn längst nicht mehr auf. Er engagiert sich weil ,,ich eine soziale Ader und ein tolles Team habe“.
Froh über alles
Abgeladen werden die Hilfsgüter in einem Kasernenareal. Dort warten die Projektpartner mit ihren wackeligen Kleinlastern um abzuholen, was es gibt. Sie sind froh über alles. Die Verteilung verläuft in geordneten Bahnen. Ein paar Soldaten helfen. In der schäbigen Unterkunft ist es ohnehin höchst ungemütlich. Bröckelnde Mauern, Fenster ohne Glas, keine Heizmöglichkeit. Der Staat hat für seine Diener nichts übrig. Eine Kücheneinrichtung, Geschirr und Matratzen könnten sie brauchen, sagt ein junger Soldat in zerschlissener Uniform. Nur eine Fahrstunde von ihm entfernt bewachen Männer in prächtigen Gewändern den Sitz von Premierminister Sali Berisha. ##Marlies Mohr##
BU: Mit Hilfe des Dolmetschers funktionierte die Kommunikation ganz ungezwungen.
BU: Mit vereinten Kräften wurden die Hilfsgüter verteilt. (Fotos: R. Mohr)
BU: Heinz Vonach ist ein Albanienhelfer der ersten Stunde.
Als Factbox
Ländlehilfe in Zahlen
0 28 Hilfstransporte mit 102 Lkw-Zügen
0 15.000 Schultische und 27.000 Stühle für 130 Schulen
0 Rund 500 Schultafeln, 200.000 Hefte, Bleistifte, Malfarben und Zeichenpapier
0 Kosten für Schulrenovierungen und Hilfstransporte rund 1 Million Euro. ##Marlies Mohr##
Stichwort: Albanien
Albanien war das letzte europäische Land, das sich 1991 vom Kommunismus befreien konnte. Doch nach wie vor gilt Albanien als ,,Armenhaus Europas“. Auf einer Fläche von 28.748 Quadratkilometern leben rund 3,56 Millionen Menschen. Mehr als zwei Drittel der Fläche sind Bergland. Die Arbeitslosigkeit beträgt 60 Prozent. Albanien hat auch die höchste Umweltverschmutzung. Wasser, Boden und Luft leiden unter den Altlasten der Industrie. Auch der Zuwachs an Dieselfahrzeugen und das überall übliche Verbrennen von Müll jeder Art sorgen für dicke Luft. Umweltberichten zufolge atmet jeder Einwohner Tiranas etwa 44 mg Staub pro Jahr ein. Die Staatsausgaben für Gesundheit, Bildung lagen in den letzten Jahren bei vier bzw. zwei Prozent. ##Marlies Mohr##
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